Immergut 2018

Ich war in den vergangenen Jahren auf dem ein oder anderen Festival. Und wie die Festival-Besucher unter euch wissen, hat man dann meistens dieses eine Festival, für dass das Herz schlägt  und man will eigentlich nirgendwo anders mehr hin. Ein bisschen so ist das bei mir dem Immergut. Ich war in den letzten beiden Jahren dort und habe beide Male mein Herz da gelassen – Gott sei Dank waren die Leute jedes mal so gut, mir mein Herz nachzusenden!

Das Schöne am Immergut ist, dass man recht entspannt tagsüber der „klassischen“ Indie-Rock-Musik frönen kann. Und wenn es dann Nacht wird, ist auch für ein kleines, aber sehr gut ausgewähltes elektronisches Tanzprogramm gesorgt. Dieses Jahr sind unter anderem die derzeit sehr viel und gut besprochene Kat Frankie, oder auch der maskierte Pianist Lambert fürs Hauptprogramm und Ada und Makeness für die Nacht angekündigt.

Abgesehen davon, und, weil es ein bisschen aus dem Restprogramm fällt, sollten noch die 11 Freunde-Lesung und Suff Daddy & The Lunch Birds erwähnt werden. Ersteres, weil ich das als Fußballfan nur gutheißen kann und damit vielleicht auch das Immergut-Fußballturnier eine besondere Wertschätzung erhält. Und letzteres weil mir Suff Daddy als Produzent von sehr guten Hip-Hop-Beats schon das ein oder andere Mal über den Weg gelaufen ist.

Jetzt ist es an mir, euch dieses wunderbare Festival ans Herz zu legen. Ich habe ein einfaches und deswegen gut verständliches Argument für euch: Fahrt nach Neustrelitz, denn es ist sehr, sehr schön – es gibt auch noch Tickets!

Nils Frahm – All Melody

Ich war gestern zum zweiten Mal bei einem Konzert von Nils Frahm und bin immer noch hin und weg. Akustisch war das im Vergleich zum Schauspiel vor reichlich zwei Jahren noch besser, musikalisch wie gewohnt absolut überragend. Dass Nils es schafft aus diesem riesigen und ständig wachsenden Setup so viel heraus zu holen ist immer wieder toll anzusehen. Jedes Stück ist in seiner Form brillant. Dabei ist völlig egal ob er Bombastkino für die Ohren schafft oder sehr filigrane Lieder auf dem Piano spielt. Sowohl im Kleinen als auch im Großen funktioniert das im Gewandhaus sehr gut und ich würde jedem einen Besuch dort ans Herz legen. Die Akustik eines solchen Konzertsaals ist so exzellent, da kommt man als Laie manchmal gar nicht drauf klar. Darüber hinaus muss man ob seiner angenehmen bodenständigen Art fast schon zwangsläufig große Sympathie zu diesem Mann empfinden.

Wie Dieter Moor in ttt sagt, hat sich „größtmöglicher Respekt“ zwischen ihm und seinem Publikum entwickelt. Das merkte man auch während des Konzerts, als sich große Teile des Publikums kaum noch auf den Stühlen halten konnten. Schon zwischen den Stücken brandete der Beifall durch den Großen Saal. Nach dem letzten Ton dann stehende Ovationen und ein wie immer eher schüchterner Nils Frahm. Wahnsinn.

Jincheng Zhang

Das ist schon lustig: ein Chinese, von dem niemand etwas vorher gehört hat, veröffentlicht auf sämtlichen Streaming-Plattformen dieses Planeten innerhalb kürzester Zeit 95 Alben. Seine auf YouTube hochgeladenen Videos lassen vermuten, dass die Alben folgendermaßen entstanden sind: Er setzt sich vor die Kamera, klimpert auf dem Klavier rum, oder spielt einen Beat ein und brabbelt/summt/singt irgendetwas unverständliches hin. Tonspur extrahieren und fertig ist der Song. So ungefähr sehen ja auch die Albumcover aus. Sehr vielmehr als die Videos und die Alben auf den Plattformen hat Jincheng Zhang bisher aber noch nicht preis gegeben.

Dass die Qualität dieser Veröffentlichungen eher für den Mülleimer, als für die Gehörgänge ist, ist relativ eindeutig. Das amüsante daran ist vielmehr, dass hier jemand auf eine etwas andere Art (ungewollte) Kritik übt: Er veröffentlicht mit geringstem Aufwand auf allen Plattformen und generiert so Klicks und womöglich auch noch Verkaufszahlen. Allein weil er jeden sich bietenden Kanal nutzt stellt er in meinen Augen damit auch die modernen Verbreitungskanäle von Musik in Frage. Immerhin spült der Spotify-Algorithmus ihn mittlerweile bei einigen Nutzern in die automatisierten Playlists, was ihn in einer gewissen Art und Weise als Musiker legitimiert.

Auf eine Anfrage hat er zwar mittlerweile reagiert, aber hat die Welt nur wissen lassen, dass er derzeit zu beschäftigt sei, um weitere Antworten zu geben.

Boris Vian – Disco

Wogegen Richard sich noch wehrt, ist für mich dann eben doch schon mein Alltag. Ich höre tagtägliche über Spotify Musik und auch jeden Woche meinen „Mix der Woche“ – eine von einem Algorithmus anhand meiner Hörgewohnheiten generierte Playlist, die mindestens jede zweite Woche gut ist.

Und in eben jenem „Mix der Woche“ wurde mir dann diese Woche ein richtig guter Titel empfohlen: „Disco“ von Boris Vian aus Ecuador. (Mein Spanisch ist leider sehr schlecht und ich habe auch nichts dazu gefunden, weswegen ich keine Ahnung habe, warum man sich als Musiker aus Ecuador nach einem französischen Schriftsteller und Jazz-Trompeter des vergangenen Jahrhunderts benennt.)

Die Nummer ist aber eine wahre Perle. Meinem Kollegen war es etwas zu langsam. Für mich ist’s genau richtig.